Mann und Frau in der Moderne

Man-taus Zusammenfassung von Kucklicks Doktorarbeit ist für mich einer der wichtigsten Texte von 2015.

Vermutlich werde ich mich noch das eine oder andere Mal darauf beziehen.

Ein paar anreißende Brocken, die den eigentlichen Artikel nicht ersetzen können.

Für Kucklick sind solche negativen Darstellungen von Männern nicht neu, und sie sind schon gar kein Resultat des Feminismus (…). Der Feminismus habe den Männerhass nicht erfunden, sondern lediglich genutzt.

(…)

Radikal negative Darstellungen von Männern, die Kucklick als beständige Begleiter der Moderne – also: der letzten zwei bis drei Jahrhunderte – herausstellt, seien darüber aus der Wahrnehmung verschwunden.

(…)

Kucklick untersucht Texte von Schriftstellern der Aufklärungszeit, von bekannten wie Fichte, Kant oder Schleiermacher, aber auch von vielen heute unbekannten Autoren. Seine Grundthese: Die gängige Vorstellung ist zumindest ergänzungsbedürftig, Männer seien durchweg als überlegene Vernunftmenschen und Frauen als unterlegene Defizitwesen dargestellt worden. Zugleich hätten die Texte noch eine ganz andere Tendenz: nämlich Männer als Mängelwesen zu präsentieren, als Monstren, als instinktgeleitete, halb-tierische Wesen – und Frauen als humanes, rettendes Gegengewicht zur männlichen Destruktivität.
Zugleich geht Kucklick davon aus, dass die Positionen dieser Texte aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert durch die Jahrhunderte wieder und wieder aufgefrischt worden seien – die Feindseligkeit gegenüber Männern sei bis heute ein Kennzeichen der Moderne.

(…)

Ein wesentliches Motiv ist das des Mannes als Tier, als nicht ganz menschliches Wesen, das nicht in der Lage und nicht gewillt ist, seine Triebe zu kontrollieren.

(…)

Erkennbar ist in jedem Fall ein tiefes Unbehagen angesichts der Möglichkeit, dass Männer allein und ohne Frauen leben könnten. Exemplarisch führt Kucklick vor, wie Fichte den Mann als „das moralische Mängelwesen“ beschrieben habe, das allein durch die Leitung einer Frau zur Moralität finden könne. Besonders kritikwürdig seien daher Männer betrachtet worden, wenn sie „die Ehe geringschätzen, zerstören oder meiden“.

(…)

Demgegenüber sei dann die Frau als das unbedingt notwendige Gegenmittel erschienen, idealisiert als „Hüterin der Zivilisation“, als „Hüterin der Ordnung“, als liebesfähiges Gegenstück zum Mann. Der sei wiederum als „Idiot der Liebe“ gedacht worden, dessen „männliche Liebesdefizienz“ allein die Frau heilen könne.

„Nur in der femininen Zähmung des brutalen Mannes kann sich die bürgerliche Gesellschaft noch ihren Bestand denken.“

(…)

Auch die idealisierenden Phantasien über Frauen seien, so Kucklick, ein Produkt der Moderne – aber Weiblichkeit werde dabei eben gerade, in der Moderne, als „Gegenprojekt zur Moderne“ und ihren überfordernden Entwicklungen imaginiert.

„Der entscheidende Punkt ist: Geschlecht wird zu Beginn der Moderne in die Differenz von Interaktion und Gesellschaft eingebaut, die im 18. Jahrhundert als gesellschaftliches Strukturmerkmal wahrgenommen und semantisch bewältigt wird.“

Was aber soll das sein, „Interaktion“ und „Gesellschaft“? Und was hat „Geschlecht“ damit zu tun?

Interaktion grenzt für Kucklick die „Gesamtheit der Kommunikationen (ab), die sich unter Anwesenden abspielen“ – unterschieden „von solchen Kommunikationen, die nicht auf gegenseitige Anwesenheit angewiesen sind“ und die er als „Gesellschaft“ bezeichnet.

(…)

Mann und Frau würden (…) einfach, sauber geordnet, in beide Seiten der modernen Erfahrung hineinsortiert: die Frau in den Bereich der Interaktion, der Vertrauten, Sicheren, Konkreten, Tatsächlichen – der Mann in den Bereich der Gesellschaft, der Unvertrauten, Unsicheren, Abstrakten, Potenziellen. „Sklaven der Abstraktion“ seien die Männer – so zitiert Kucklick Friedrich Schleiermacher.

Das ist wie gesagt ein stroboskopisches Abbild einer Zusammenfassung eines anspruchsvollen Textes. Ich empfehle dringend die Lektüre bei man-tau.
Trotzdem will ich mich an einem Christianschen „Das heißt also…“ versuchen und noch weiter verkürzen:
Vor der Moderne und der industriellen Revolution lebten alle im Kontakt miteinander, jeder hatte seine Rolle und jeder kannte jeden. Das Böse waren schon immer Die Anderen, aber vor der Moderne waren Die Anderen andere Völker oder außerhalb der Gesellschaft Lebende (Räuber, Zigeuner, fahrende Spielleute). Alle anderen, die aus dem Dorf oder aus der Zunft oder in der Familie, die waren Wir.
Die Moderne sprengt diese kleine Welt. Man arbeitet nicht mehr im Kreis der Familie, die Welt ändert sich immer schneller, alles wird immer unsicherer und plötzlich gehört schon der Nachbar nicht mehr notwendigerweise zum Wir.
Der Mann, welcher diese Entwicklung gleichzeitig vorantreibt sowie ihr ausgeliefert ist, wird zum Symbol für das Bedrohliche, Unsichere dieser Gesellschaft. Die Frau, die in überschaubaren Kreisen verbleibt, wird zum Symbol für das Sichere, Gute.

Ich habe den Eindruck, dass es eine Unmenge von scheinbar unerklärlichen Phänomenen gibt, die vor diesem Hintergrund zumindest einen Erklärungsansatz bekommen.
Zum Beispiel:

Gegen die männliche Onanie, die „Hochzeit mit der eigenen Hand“ statt mit einer Frau, wurde eine so gewaltige Kampagne gefahren, dass Kucklick ihr ein eigenes längeres Kapitel widmet.

Womöglich noch schockierender sei es gewesen, wenn Männer nicht nur die Ehe gemieden, sondern statt einer Frau andere Männer geliebt hätten.

„So wandelte sich eine in Maßen tolerante Gesellschaft von der Mitte des 19. Jahrhunderts an zum Horror für Schwule. Und parallel dazu wurden die Heteros in immer schärferen Disziplinaranstalten eingehegt, in Internaten, Kasernen, Gefängnissen und Krankenhäusern.“

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4 Gedanken zu “Mann und Frau in der Moderne

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