Sexuelle Gewalt in Beziehungen

Der Jüngling lobte neulich die gelebte Horizonterweiterung durch das Lesen von Blogs, auf die man sich sonst allein und im Dunklen nicht trauen würde.

Wo er recht hat, hat er recht, also habe ich jetzt angefangen, z.B. kleinerdrei zu lesen.

Ein erstes sehr interessantes Fundstück dort ist dieser Artikel, der sehr nachfühlbar beschreibt, wie eine Frau sexuelle Gewalt in einer längeren Beziehung erlebt.

Ein paar Ausschnitte:

Eigentlich mochte ich sie anfangs nicht besonders, doch ihre etwas naive, strahlende Art lenkte mich von dem Beziehungschaos ab, das ich gerade hinter mir gelassen hatte. Ein paar Monate später wurden wir ein Paar und hatten unseren ersten Sex. Für uns beide war es das „erste Mal“. Ich hatte nicht gerade viel Erfahrung in dem Bereich, trotzdem fühlte ich mich wohl und es war in Ordnung, nicht mind-blowing oder überraschend gut, aber mehr hatte ich auch gar nicht erwartet.

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Schon sehr früh fand ich mich damit ab, dass ich Orgasmen scheinbar nur durch Masturbation erreichen konnte, dass unsere Körperlichkeit nicht dem entsprach, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Ich nahm das gerne in Kauf, denn im Gegenzug fand ich eine Sicherheit, ein Zuhause und eine beste Freundin – alles das, was ich mir immer gewünscht, doch vorher nie gefunden hatte.

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Gewalt fängt da an, wo ein „Nein“ nicht akzeptiert wird – aber ich sagte immer „ja“. Gewalt fängt da an, wo Männer sind – aber ich war mit einer Frau zusammen.

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Sie zog viel Bestätigung aus Sex. Hatten wir längere Zeit keinen Sex, überschwemmte sie mich mit Selbstzweifeln, fragte immer wieder, ob es an ihr läge, ob ich sie nicht attraktiv fände. Ich erklärte in wirklich stundenlangen Gesprächen, dass ich keine Lust hatte, weil ich gestresst war

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In jedem längeren Kuss lag bald die Aufforderung nach „mehr“, nach „Ich will jetzt Sex mit dir haben“. Deshalb blockte ich immer häufiger bei jedem kleinen Anzeichen von Druck ab.

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Ich fühlte mich beim Sex nicht (mehr) wohl, mir gefiel kaum etwas von dem, was sie machte. Aber das sagte ich ihr nicht.

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Es kam mir so vor, als gäbe es keinen sicheren, vertrauensvollen Raum für meine Gedanken. Also schwieg ich.

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Unser Beziehungsalltag lief währenddessen weitestgehend friedlich weiter, wir erlebten viel Schönes miteinander, feierten einjährige und zweijährige Jubiläen. Den Sex konnte ich irgendwie aushalten und manchmal vermeiden.

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Den ersten leisen Gedanken an irgendeine Form von Gewalt hatte ich, als wir mit einem Strap-On in meinem Bett saßen. Gemeinsam hatten wir überlegt, das mal auszuprobieren, schließlich machten das scheinbar alle Lesben und sex-positiven Menschen,

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Penetration war nichts, das mir bisher Spaß gemacht hatte. Bei ihr war das anders. Sex bestand für sie vornehmlich aus Penetration, ihr schien es wie nichts Anderes zu gefallen. Allein dieser überdeutliche Fokus löste großes Unbehagen in mir aus, innerlich sträubte ich mich sehr gegen diese Art von Sex, auch wenn ich den aktiven Part übernahm.

Nun hatten wir also den Kram vor uns liegen. Ich schnallte den Strap-On um und fühlte mich schrecklich. Als ich in sie eindrang und sie aufstöhnte, fing ich fast an zu weinen. Alles an der Situation fühlte sich falsch an. Wir brachen ab.

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Um die selbe Zeit herum schien unser Sex immer härter zu werden. Sie mochte das, fand es großartig. Mir gefiel es manchmal auch, dennoch verspürte ich oft Panik und eine Art von ungewollter hierarchischer Unterdrückung, was mich schmerzlich an das erwähnte Erlebnis in meiner Kindheit erinnerte. Dass sie diese Verknüpfung in mir nicht zu spüren schien, dass es ihr selbst auch nicht auffiel, machte mich sehr wütend.

(…)

Warum sah sie meinen Schmerz nicht? Warum musste ich ihn erst aussprechen?!

(…)

Ich hatte Gewalt erlebt, inmitten einer lesbischen und feministischen Beziehung. Ich hatte meine eigenen Bedürfnisse aufgegeben, sie denen eines anderen Menschen untergeordnet, weil ich Sanktionen aufgrund von Unwissenheit, Selbstzweifeln und Unverständnis zu befürchten hatte.

(…)

Was ich erlebt habe, hat sicherlich nicht nur mit sex-positivem Feminismus zu tun, sondern auch mit fehlender Selbstreflexion, Kommunikation und Verständnis. Trotzdem gibt es keinen Raum für das Etwas: Ich kann nicht darüber schreiben, wie sehr mich „toys“ triggern, weil sie sich für mich männlich besetzt anfühlen,

(…)

Ich möchte darüber reden, dass Sex gewaltvoll sein kann, dass lesbischer Sex gewaltvoll sein kann, dass sex-positiver Sex gewaltvoll sein kann. Gewalt ist nämlich auch dort, wo es Konsens und Wissen gibt.

Es ist mir klar, dass dies nicht die weibliche Perspektive, sondern eine weibliche Perspektive ist.

Sie scheint mir aber vieles im derzeitigen Geschlechterdialog zu erklären.

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8 Gedanken zu “Sexuelle Gewalt in Beziehungen

  1. Ja, zu dem Artikel hatte ich auch schon mal überlegt einen Artikel zu schreiben.
    besonders dieses Passage:

    „Gewalt fängt da an, wo ein „Nein“ nicht akzeptiert wird – aber ich sagte immer „ja“. Gewalt fängt da an, wo Männer sind – aber ich war mit einer Frau zusammen.“

    finde ich sehr interessant. Schon eine sehr eigenartige Perspektive, Gewalt als männlich.

    Den weiteren im Artikel enthaltenen Abschnitt fand ich auch interessant:

    „Ich versuchte, mich zu erklären, dass ich mich ausgeschlossen fühlte, dass nicht ich ihr Lust verschaffte, sondern ein Ding, dass dieses Ding für mich so wahnsinnig männlich besetzt ist, dass ich mich schlecht fühlte.“

    Finde ich schon krass. Wenn das kein Männerhass ist, was dann?

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  2. Ich habe einiges überlegt, ob ich den Artikel kommentieren sollte und mich dagegen entschieden.
    Ich wäre aber sehr neugierig, die Reaktionen bei AE zu sehen…
    60% wird die übliche Häme sein, die auch ich spontan verspürte – da sind wir wohl unangenehm konditioniert.

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  3. Halte ich nicht für Männerhass. Wobei ich nicht glaube, daß sie mit ihrem Feministisch/lesbischen Kram nicht auch Männerfeindlich ist. Aber ich denke, die meisten Männer fänden so einen Umschnalldildo auch ziemlich männlich besetzt. Und die meisten fänden das gar nicht gut.

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  4. Was ich gelesen habe, fand ich eher traurig. Traurig ist aber, daß die Autorin ihren eigenen Anteil anscheinend gar nicht sehen kann und will. Typisch eigentlich. Natürlich hat auch sie Verantwortung für die Bedürfnisse ihrer Partnerin und kann diese Probleme nicht einfach ausschweigen.

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  5. „Halte ich nicht für Männerhass. Wobei ich nicht glaube, daß sie mit ihrem Feministisch/lesbischen Kram nicht auch Männerfeindlich ist. Aber ich denke, die meisten Männer fänden so einen Umschnalldildo auch ziemlich männlich besetzt. Und die meisten fänden das gar nicht gut.“

    Ich hatte es so verstanden, das sie sich gerade schlecht fühlt, weil es männlich besetzt ist. Sie verbindet es ja auch gleich mit einer Gewalterfahrung. Das in Verbindung mit “ Gewalt fängt da an, wo Männer sind“ spricht für mich schon für einen Männerhass.
    Aber kann auch sein, dass ich es überinterpretiere

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  6. Eine Frau erlebt also – gefühlt – sexuelle Gewalt. Was ist der Unterschied zu Männern? Ganz einfach, erlebt man es durch eine Frau, hält man keine Vorträge über die „Rape-Culture“; man verallgemeinert nicht. Doppelmoral pur.

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  7. Ich denke, du wertest den Artikel von einer rationalen Ausgangsposition, die Aussagen der Form „Alle x sind…“ per se ablehnt.

    Diese Frau aber kommt aus einer Welt, die klar in Das Gute und Das Böse aufgeteilt ist. Natürlich ist das auch doppelmoralig.

    Sie macht sehr deutlich, dass sie immer noch denkt: „Alle Männer sind…“.

    Aber immerhin fängt es bei ihr an, dass „Alle Frauen sind…“ und auch „Alle Feministinnen sind..“ ihre Gültigkeit verlieren.

    Das finde ich ermutigend.

    Dass sie aber jetzt schon klagt, dass ihre Umgebung nicht mit ihr darüber reden will, inwiefern die etablierte Aufteilung in Gut und Böse so nicht haltbar ist, ist ein anderer Punkt. Vermutlich reicht es nicht, dass sie aus der feministischen Blase ausbrechen wird, um andere Erklärungsansätze für ihr Problem zu finden.

    Feminism hurts women, too.

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